Brief an Gott

Verlass ist nur auf die Sterne, die immer wiederkehrend an ihrer unveränderten Stelle jede Nacht am Himmel erscheinen. Ich stehe hier mit dem Kopf nach unten, ohne Kraft, ihn nur ein paar cm aufzuheben.

Die alten Philosophen stellten auch alles infrage. Genau wie ich. Sie berichten über all die Begegnungen mit Gott. Was soll ich davon glauben?

Jeden Tag suche ich nach dir. Ich kann dich nicht sehen. Bin ich blind? Wie siehst du denn aus? Zeig dich doch kurz. Nur für einen Augenblick, wenn ich eine Rose betrachte, glaube ich für einen Moment, dich gefunden zu haben. Wenn ich den fließenden Fluss ansehe, wenn ich im hohen Gras spaziere. Dann glaube ich fast bei dir angekommen zu sein.

Mach mir das Tor auf und zeig mir dein Zuhause. Wo wohnst du? Wohnst du hinter einem Stern, damit dich niemand sehen kann?

Wenn du mich heimlich beobachtest. Was denkst du über mich? Bin ich dir ein treuer Diener, der jeden Tag deinen Namen ruft? Oder bin ich nur eine von vielen verwirrten, einsamen, verlorenen Seelen auf dem Planeten Erde?

Denkst du, dass ich ein guter Mensch bin, wenn du mich lachen und tanzen siehst? Sag doch endlich etwas. Nur mir ganz allein, insgeheim.

Es gibt so viele unerklärbare Geschichten, die du als Beweis deiner Existenz den Menschen schenkst, damit sie niemals den Glauben an dich verlieren, bis sie nach ihrem Tod vor deinem Thron knien und erkennen, dass es dich doch gibt.

Zwischen uns beiden nehme ich alles wie durch einen durchsichtigen hohen Vorhang, der uns voneinander trennt, wahr.

Im Schlaf bin ich vollkommen mit dir verbunden. Im Traum erscheinen wir als zwei schwarze Schatten. Ich habe dich öfters berührt. Kannst du dich noch erinnern? Hast du das Gleiche für mich empfunden? In der Stille der Nacht ruht im Bett mein Körper. Mein Geist ist bei dir.

Welches Biest hast du erschaffen? Was denkst du, wenn du zusiehst, wenn Völker streiten, Menschen sich schlagen, Kontinente Kriege gegeneinander führen. Jeder mit seiner Geschichte. Ist das eine Himmelslotterie?

Am falschen Ort geboren? Mitten in der Wüste. Ohne Wasser und Nahrung, erblicken manche Kinder das wahre Licht des Lebens. Fata Morgana, und erst dann schickst du deine Engel, um sie vom Boden aufzuheben.

Kopf hoch. Ich schaue in den blauen wolkenlosen Himmel. Gigantisch bist du Gott in meinen Augen.

Wenn ich jetzt ein Bild von dir zeichnen müsste, dann würde ich mich in den Spiegel schauen und sofort anfangen zu zeichnen.

Ich zeichne dich, du bist ich, ich bin du, zusammen sind wir alles.

Die Sonne hast du ganz nah an die Erde platziert. Ist das eine Facette von dir? Wo versteckst du dich überall im Weltall? Die Menschheit sucht schon lange nach dir. Sie hat es oft probiert. Die Erde mit Raketen zu verlassen. Sie suchen dich hinter jedem Stern. Im eigenen Glauben malen die Menschen ständig Bilder von dir. Sie bauen große Kirchen für dich damit du draußen nicht erfrierst, wenn du die Wärme in einem obdachlosen Menschen suchst.

Jeden Tag bin ich an Illusionen gefesselt. Wie sehr ich auch dagegen kämpfe. Doch du hörst mich nicht. Du lässt mich mit dieser schweren Kette manchmal am Boden, weinend.

Dennoch, ich werde warten. Solange es nötig sein wird, auf den Tag, wo ich dich das erste Mal sehen darf. Dann werde ich dich nicht mehr loslassen. Ich werde für immer bei dir bleiben, mich in einen Adler verwandeln, über die Wolken tanzen, leichter als eine Feder, hin und her, hinunter auf die Menschen schauen.

Welch wunderschöner Anblick!

Endlich frei von bösen Gedanken.