Der rote Kompass

Seit 42 Jahren herrscht im Grasland Krieg. Zwerge und Giganten bekämpfen sich seit Jahren. Grasland ist ein Teil Neuseelands und in zwei große Regionen geteilt.

Die erste Region ist der Wald. Dort wohnen kleinwüchsige Menschen, die von Giganten Zwerge genannt werden. Zwerge sind ein kämpferisches Volk. Zwerge sind ein altes Volk. Die Zwerge waren ein Volk von Handwerkern, die in unterirdischen Bauten im Wald lebten. Sie waren von kleinem Wuchs, kräftig und trugen volle, lange Bärte. Im Allgemeinen galten Zwerge als tüchtig. Sie verfügten über eine hochentwickelte Schmiedekunst und waren hervorragende Steinmetze, die prachtvolle Höhlenstädte errichteten und Straßen anlegten. Zwerge galten ebenso als tapfere und starke Krieger sowie als zuverlässige Verbündete, wenngleich sie sehr eigensinnig, aufdringlich und bisweilen habgierig waren.

Die Sprache der Zwerge war das Khuzdul, welches neben der gesprochenen Sprache Agla auch aus einer Gestensprache, dem sogenannten Iglishmek, bestand. Die zweite Region besteht nur aus Wasser. Dort wohnen die Wassermenschen, die von Zwergen Giganten genannt werden. Sie leben mitten im Wasser. Ihre auf Stelzen gebauten Hütten liegen weit entfernt vom nächsten Festland. Das Leben auf Booten ist für die Menschen Alltag. Fast alle Familien leben vom Fischfang, auch wenn nicht alle selber fischen gehen.

Zwischen dem dichten Morgennebel weit in der Ferne ist Königsbaum Aurus zu sehen. Die Mehrheit der Lebewesen schläft noch, nur ein hungriger Rabenjunge weint so laut, dass ihn jeder hört. Aurus ist der Königsbaum in diesem Wald. Majestätisch streckt er seine viertausend Jahre alten Äste in die Höhe. Der Königsbaum ähnelt irdischen Weidenarten. Er ist hoch gewachsen und besitzt eine breite, vielfach verästelte Krone mit langen, rot leuchtenden, zweigähnlichen Fortsätzen. Diese Fortsätze sind neuronale Strukturen. Er ist mit jedem Lebewesen des Waldes verbunden.

Aurus ist die Geburt und der Tod. Der Anfang und das Ende. Seit 42 Jahren versuchte Aurus den Krieg zwischen Zwergen und Menschen zu beenden in dem er Friedensimpulse durch seine Wurzeln an die Zwerge abgab. Die Impulse waren von kurzer Dauer und ohne Erfolg. So ließ sich Aurus eines Tages von den anderen Göttern beraten. Liebe ist mächtig. Es ist das, was alle Lebewesen auf der Erde verbindet und die zwei Völker zusammenbringen soll, einigten sich die Götter.

Am Ozean leben die riesigen Menschen. Sie wurden einst von Göttern vertrieben. Menschen haben Wälder zerstört um Palmölplantagen anzubauen. Die ganze fruchtbare schwarze Erde wurde vernachlässigt und mit Tonnen von Müll abgedeckt. Die Erde ist fast erstickt. Als Strafe sollten die Menschen ihr Leben am Wasser verbringen, um zu lernen, welche wertvolle Nahrung die Erde ihnen vorher gegeben hat. Das haben die Menschen lange nicht erkannt. Es wird sicher noch lange dauern.

Die Riesen haben sich schnell an die Mutter Natur angepasst. Haben aus dem gebliebenen Holz Häuser und Paläste gebaut. König Omu will keinen Frieden schließen. Er braucht mehr Nahrung für sein Volk. Nahrung reich an Vitaminen, Gemüse und Obst. Das haben sie damals alles zerstört. Die Zwerge geben nichts her. Der Krieg fängt von vorne an.

Ein ganz normaler Tag im Wald. Die Feen und Schmetterlinge fliegen herum, heute ist ein besonderer Tag. Die Sonne scheint und jeder hilft dort, wo er kann. Zwerge säubern den Wald. Andere Zwerge versorgen die verletzten, aus dem Krieg gekommenen Tiere. Die etwas älteren Zwerge arbeiten am Feld. Ernten Gemüse und Pflanzen, bunte Blumen, um die Trauer des Krieges abzudämpfen. Früh am Morgen, bevor es hell wurde und die Sterne hell am Himmel leuchteten, haben sich die Götter versammelt.

AURUS! AURUS! Wach auf, wach auf! Als Aurus aufwachte standen die Götter vor ihm. „Wir haben beobachtet, dass du mit deiner ganzen Energie versucht hast, beide Kulturen wieder zu vereinen. Für all deine Bemühungen schenken wir dir diesen roten Kompass. Er wird Frieden ins Land bringen. Den Kompass sollte derjenige bekommen, der genau von heute an in zweihundert Jahren um 24:00 Uhr am 9. März geboren wird“. Zweihundert Jahre schmiedete Zwerg Logo an diesem Kompass. Schritt für Schritt, jede Einzelheit wurde von Logo gut bedacht. Von jedem Gott nahm Logo einige Tropfen Blut. Diese mischte er zusammen in einer Kugel aus dickem Glas. Alle Gefühle und Emotionen der Götter in einer Kugel. Logo stellte diese Kugel in die Mitte des Kompasses.

Es vergingen 200 Jahre und Aurus war auf diesen Tag vorbereitet. Am neunten März genau um 24:00 wie von den Göttern prophezeit, wurde in einer Zwergenfamilie der kleine Kazam geboren. Rabe Julius und Tochter des Königs Omu, Naola, kamen auch am selben Tag zur Welt. Rabe Julius wurde zwischen den Ästen in den Armen von Aurus in einem kleinen Nest geboren. Ein großes Fest für alle Tiere des Waldes. Kazam wuchs schnell. Er war mutig, furchtlos und gutaussehend. Spielen im Wald war seine Lieblingsbeschäftigung. Mit anderen Tieren den ganzen Tag im Freien spielen oder wie ein Wolf im hohen Gras mit der Nase schnuppern, neugierig auf neue Gerüche. Die Welt verstehen lernen.

Aurus ließ sich nicht allzu viel Zeit und sendete einen Impuls zu Kazams Eltern. Es sollte mehr eine Art Botschaft sein. „Euer Sohn wurde von den Göttern auserwählt, Ihr müsst ihn in die Welt hinausschicken um Erfahrungen zu sammeln, und die wahre Liebe kennenzulernen“. Von Anbeginn waren die Eltern sehr traurig. Doch je mehr sie darüber nachgedacht haben, erkannten sie, wie wichtig diese Aufgabe für alle Lebewesen war.

Julius Rabe flog von Ast zu Ast und genau wie Kazam erkundete er die Bäume, die Käfer, Schlangen und Raupen im Wald. Während Julius auf einem Ast seine Federn putzte, sprach Aurus zu ihm. „Julius, ich übergebe dir diesen Kompass. Du wirst ihn Kazam übergeben und ihn bei seiner Reise begleiten“. Julius war geehrt, dass Königsbaum Aurus genau ihn für diese Aufgabe auserwählt hat. Während Aurus heimlich seine Vorbereitungen traf, wuchs auch Naola, die Tochter des Königs Omu, auf. Omu verbietet Naola, das Königreich zu verlassen und in den Wald zu gehen. Wie viele andere Jugendliche war Naola sehr neugierig und ging öfters mit ihrem Hund in den Wald spazieren.

Der Wald war für alle Lebewesen ein faszinierender Ort mit bunten Farben und vielen kleinen Wasserfällen entlang des Weges. Nur in den letzten 200 Jahren fingen alle Farben an zu verblassen. Genau wie die Hoffnung der Waldbewohner. Keiner Rede, keiner Parteiwahl, keiner eigenen Politik ist es gelungen, Frieden ins Land zu bringen. Kazam wuchs in einer sehr angesehenen Familie unter den Zwergen auf. Er lernte von seinen Eltern, die Begeisterung für schöne Dinge nicht zu verlieren. Er hat gelernt zu lachen und wurde von den Eltern geliebt. Er hat gelernt zu teilen, andere zu respektieren und sie zu akzeptieren als Teil seines Lebens.

Bevor die Reise begann, gab Julius Kazam den Kompass und sagte: „Königsbaum meinte, es wird dir ganz genau den Weg zeigen, du wirst es in deinem Herzen spüren, ein kribbeliges Gefühl, das deinen Atem fast zum Stehen bringt. Neun ist die höchste Zahl und dein Schicksal. Wenn der Zeiger neun zeigt, dann solltest du wissen, dass du angekommen bist“. Julius flog von Baum zu Baum und blieb immer in der Nähe von Kazam. Kazam trug seinen schweren Rucksack, in welchen seine Eltern reichlich Essen eingepackt hatten. Während er sich vom Haus entfernt, stellt sich Kazam immer dieselbe Frage: „Wie sollte er jemals die Liebe erkennen? Ist das was zum Essen? Was ist überhaupt Liebe, von der alle Zwerge sprechen?“ Kazam ist etwas verwirrt, kein roter Faden im Kopf, er geht einfach nur los.

Es verging ein Tag ohne Rast. Es war an der Zeit gekommen sich auszuruhen, meinten die beiden Reisekameraden. Julius und Kazam fanden Unterkunft in einer kleinen Steinhöhle. Zum Glück war Frühling und nicht Winter, um die Bären bei ihrem Winterschlaf nicht zu stören. Kazam sprach mit Julius über die Welt und über seine Träume. Sie teilten das Brot und Wasser miteinander.

Es verging etwas Zeit und Kazam sah am Eingang einen Wolf. Er stand da und bat um etwas Essen. Julius und Kazam zögerten nicht lange und teilten das restliche Essen mit dem Wolf. „Nimm, hab keine Angst“, sagte Kazam. „Mein Name ist Eros und ab heute bin ich dein Freund. Ich werde dich überall begleiten“. Kazam und Julius waren glücklich, einen neuen Freund gewonnen zu haben. Kazam warf einen Blick auf seinen Kompass, und zu seiner Bewunderung sah er, dass der Zeiger auf die Zahl zwei stieg. Ein unermessliches, unbekanntes Gefühl umhüllte Kazams Körper vor Freude. Er ahnte was Liebe ist, aber ganz sicher war er sich nicht.

Am nächsten Tag entschlossen sich Kazam, Julius und Eros, die Reise fortzusetzen. Eros erzählte über sein Leben und seine Schicksalsschläge. Kazam war beeindruckt. Von weitem konnte Kazam das Rauschen des Flusses hören. Zeit, eine Rast zu machen. Die Kulisse am Fuße des Ulrichsberges war atemberaubend. Ein Fluss, der unausweichlich vorbeizieht mit kaltem, kristallklarem Wasser. In dem hohen Gras, als Kazam Eros Fell streichelte, sah er zwischen den Baumblättern einen jungen Mann, der große Holzplatten bearbeitete.

Kazam wollte nicht mit dem Menschen sprechen. Meistens wurde er verspottet, als Witzfigur, Clown oder in königliche, menschliche Paläste oder in einem Zirkus eingesperrt. Kazam sah all die grausamen Bilder vor sich und konnte einfach nicht verstehen, warum Menschen so grausam sein können. Ein Herz steckt doch in jeder Brust. Oder nicht? Ein junger Mann wollte eine Brücke über den Fluss bauen. Es gab noch viel zu tun. Kazam sprach Julius und Eros an: „Sollen wir ihm helfen? Zusammen sind wir schneller und stärker“.

Nachdem Julius und Eros damit einverstanden waren, nahm Kazam seinen ganzen Mut zusammen und sprach den jungen Mann an. „Wir können dir helfen wenn du Hilfe brauchst“. Vor Freude begannen dem jungen Mann Tränen übers Gesicht zu laufen. Mario hieß der Junge, stellte sich wenige Minuten später heraus. So wurden aus einer kurzen Rast ganze 4 Tage und alle halfen noch fleißig mit. Tag für Tag arbeiteten Zwerg, Mensch und Tier zusammen. Sie machten Witze übereinander ohne jemanden dabei zu beleidigen. Julius besorgte dünne Äste, Kazam und Mario zogen das Holz. Mit viel Schweiß und Fleiß wurde die Brücke in sechs Tagen fertiggebaut. Am siebenten hat sogar Gott ausgeruht. Die Brücke ist ein Symbol des Friedens, den Kazam in seinem Herzen mit sich brachte. Durch diese Brücke sollten Menschen und Tiere sich erneut begegnen. Voneinander Neues lernen. Sich lieb haben und gegenseitig helfen.

Mario bedankte sich bei allen, die mitgeholfen hatten, und nahm Kazam ganz fest an seine Brust. Auch wenn Kazam noch so klein war. Bei diesem Akt existierte keine Größe. Weil jeder in seinem Herzen zufrieden war. Kazam sah seinen Kompass an und staunte vor Freude, als er den Zeiger auf Nr. sieben sah. Mit jeder Berührung, Umarmung, jedem neu erlebten Gefühl veränderte sich auch der Zeiger. Morgen soll die Reise weitergehen überlegten die vier Kamaraden. Eine letzte Nacht hier im Wald im Rausch des Flusses am Fuße des Ulrichsberges einschlafen. Frei in der Natur.

Morgen früh aufgewacht, und die Reise wurde fortgesetzt. Entlang des Flusses, jeder Fluss gelangt einmal in den Ozean, dachte sich Kazam. Zwei Tage zu Fuß, bergauf, bergab und immer dem Fluss folgen. Nicht stehen bleiben. Während Kazam und Mario über die Welt philosophierten, befand sich plötzlich links zwischen den Steinfelsen ein Wasserfall. Julius flog schneller hin um sicherzustellen, dass dieses Wesen, das dort seine Haare wusch, keine Gefahr für Kazam und andere war. Alles in Ordnung sagte Julius. Es ist eine junge Frau. Kazams Herz blieb fast stehen vor Bewunderung. So etwas Schönes hatte er noch nie zuvor gesehen. Gott schuf Wunder in seinen Augen.

Wie jeden Tag um dieselbe Uhrzeit kam heimlich Naola zum Wasserfall, um zu spielen. Dort fühlte sie sich sicher. Dort gab es keinen Krieg und alles schien so friedlich, sogar die kleinen Fische im Wasser waren friedlich. Dort konnte Naola den Gesang der Vögel hören und das Summen der Bienen. Zeit in der Natur verbringen, mit allen Lebewesen und mit Aurus verbunden. Naola, eingeschüchtert von so viel Präsenz, zog sich einen Schritt zurück. Mit ihren wunderschönen großen braunen Augen sah sie Kazam an und blieb auf der Stelle sprachlos stehen. Kazams Herz schlug viel schneller als sonst, seine Hände waren total feucht. Kazam war von Naolas Schönheit hypnotisiert. Kazam schaute seine Freunde an und mit einem kurzen Augenkontakt stellte er sich die Frage, ob das, was er für Noala empfindet, Liebe sei?

Naola wollte in ihr Menschenland nicht mehr zurückkehren, alles dort war ihr zu fad. Am Ozean gab es nicht viele Farben, außer man tauchte in der Tiefe des Meeres zwischen den Korallen. Sonst war jeden Tag alles blau. Die Farbe des Himmels. Manchmal auch rot, wenn getötete Krieger ins Wasser gefallen waren. Kazam und Naola wollten zusammenbleiben und dieses wunderschöne Leben im Wald nicht mehr verlassen. Zwei Tage verbrachte Kazam und Naola im Wald. Der rote Kompass zeigte auf neun. Kazam war angekommen. Dort wo die Natur ihr eigenes Lied singt. In dem grünen hohen Gras, mit Naola liegend stundenlang den Himmel anschauen und Julius beim Fliegen beobachten. Hände haltend. Die Herkunft oder die Größe spielten für Kazam und Naola keine Rolle mehr. In diesem Moment waren sie mit der Natur und Aurus verbunden.

König Omu versank in Trauer. Seit Tagen hat er seine Tochter nicht mehr gesehen. Er würde alles geben um sie wiederzufinden. König Omu sitzt auf seinem Thron und weint. Er hat endlich erkannt was ihm am wichtigsten war. Sein Kind und die Familie, Zeit mit ihnen zu verbringen, streicheln oder „ich hab dich lieb“ sagen. König Omu will keinen Krieg mehr führen und hat sofort Befehl erteilt alle Waffen niederzulegen. Den Krieg beenden und sich in den Wald auf die Suche nach seiner Tochter zu machen.

Die Königstruppen marschierten in den Wald und fanden Naola mit Kazam am Bach. So groß war des Königs Freude als er sah, dass Naola unversehrt war. Kazam hielt sie fest an der Hand. Wir beide gehören zusammen, sagte Naola. Weil es zwischen Menschen und Zwergen überhaupt keinen Unterschied gibt.

Seit diesem Tag herrscht zwischen Menschen und Zwergen wieder Frieden. Menschen werden mit Obst und Gemüse versorgt. Liebe hat alle Lebewesen zusammengebracht.

Der Königsbaum Aurus sendet noch immer Friedensimpulse, jetzt nicht nur an die Zwerge, sondern auch an diejenigen, die wahrhaftig an Liebe und Frieden glauben. Es spielt keine Rolle, welche Farbe ein Mensch hat oder wie groß ein Mensch ist. Doch letztendlich hat jeder Herz und Verstand. Was könnte schöner sein als die Liebe?

Aufgrund dieser ewigen Verbundenheit zwischen Kazam und Naola kamen auch die Götter, um die Liebe und den Frieden zwischen Zwergen und Menschen zu begrüßen.